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Die Königin syrischer Küche zurück

29. November 2019

Berlin - Malakeh Jazmatis Geschichte ist für mich nicht deshalb so besonders, weil sie die Geschichte einer erfolgreichen Integration ist – ich weiß nicht einmal, ob man sie als das bezeichnen kann, denn darum geht es in ihr gar nicht. Für mich ist sie eine Geschichte von Liebe. Von Liebe zu einem Land und zu einer Familie, eine Geschichte, die durch das Zubereiten von Speisen für andere – aus der alten und der neuen Heimat – erzählt wird. Und natürlich ist es die Geschichte einer Frau, die den Mut hatte, sich immer wieder neu zu (er-)finden. Und die nebenbei so gut kocht, dass sich ein Besuch in ihrem Restaurant „Malakeh“ auch ganz ohne Geschichte lohnt.

Von der Uni zum TV Star mit Kochtalent

Malakeh Jazmati hat in Syrien Politikwissenschaft und arabische Literatur studiert. Doch dann brach der Krieg aus und sie floh mit ihrem Mann nach Jordanien. Dort bekam sie durch einen Freund die Chance, eine Talkshow in einem Assad-kritischen Sender zu moderieren. Der einzige Haken: Während der Gespräche sollte sie gemeinsam mit den Talk-Gästen kochen. „Aber ich kann gar nicht kochen“, erklärte sie ihrem Bekannten. Doch der meine nur: „Ach, ruf’ einfach deine Mutter an – sie wird es Dir schon beibringen.“ „Also gab mir meine Mutter tatsächlich immer Anweisungen, wenn wir die Show aufzeichneten“, erzählt sie schmunzelnd. „Aber ich hatte wohl auch ein schlummerndes Talent in mir entdeckt. Denn als meine Mutter die Ergebnisse sah, meinte sie nur ganz verwundert: Dieses Gericht hast wirklich DU gekocht?“ Malakeh, deren Name auf arabisch „Königin“ bedeutet, wurde zur „Königin des Kochens“ in Jordanien. Aber – ihr Mann durfte in Jordanien nicht arbeiten, also floh er weiter über Griechenland und die Türkei nach Deutschland. 2015 durfte sie ihm folgen.

Kochen gegen Heimweh

Beide fanden Unterkunft im Refugio Haus in Berlin und Malakeh Jazmati bekämpfte ihr Heimweh mit Gerichten aus der Heimat, zunächst nur für Freunde und Mitbewohner. Doch ihr Mann erzählte allen, die er traf von seiner Frau, der phantastischen Köchin und so wurde sie zunehmend auch als Köchin engagiert. Zusammen mit ihrem Mann gründete sie schließlich das Catering-Unternehmen Levante Gourmet. Da sie in Jordanien gut verdient hatte, konnte sie das Gründungskapital selbst vorstrecken. Sogar für die Bundeskanzlerin und die Berlinale wurde Levante Gourmet gebucht. Dass sie schließlich ihr eigenes Restaurant in der Potsdamer Straße eröffnete kam dem Wunsch ihrer wachsenden Fangemeinde entgegen. Aber auch ihrem eigene Wunsch ein kleines Stück Heimat in Berlin zu schaffen. „Leider können sich viele meiner Landsleute den Restaurantbesuch nicht leisten“ „Kommen denn auch viele geflüchtete Syrer zu Ihnen“, frage ich sie bei unserem Gespräch im Malakeh. „Leider nicht so viele, wie ich es mir wünschen würde“, lächelt sie ein bisschen traurig. „Die meisten derjenigen, die in den letzten Jahren hierher gekommen sind, haben sehr wenig Geld und können sich das Essen hier nicht leisten. (die Gerichte kosten um die 12/14 Euro.) Wenn ich von 400 Euro im Monat leben muss, dann gehe ich eben nicht ins Restaurant essen. Es tut mir im Herzen weh, wenn sie hierher kommen und dann sehen, dass sie es sich nicht leisten können, aber leider muss ich ja auch selbst rechnen. Mal abgesehen von allen Ausgaben, die man in einem Restaurant hat, wie Miete, Strom, Steuer und Personal, benötigt die syrische Küche auch sehr viele Zutaten in hoher Qualität. Die Syrer, die regelmäßig hier essen, sind also eher diejenigen, die schon lange hier leben.

Foodbilder von der Website

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Syrische Hausmannskost

Über zu wenig Gäste muss sich Malakeh allerdings keine Sorgen machen. Ich hatte am Vortag unseres Gesprächs mit Freunden für 18.00 Uhr reserviert. Als wir um etwa 20.30 Uhr gingen, standen schon neue Gäste für unseren Tisch an. Und als ich Malakeh am nächsten Tag um 14.00 Uhr für unser Gespräch treffe, ist das Lokal ebenso gut gefüllt. Das liegt natürlich in erster Linie daran, dass es im „Malakeh“ richtig gut schmeckt. Wer unter arabischer Küche bisher nur Falafel und Humus verstanden hat, der wird hier überrascht von einer großen Auswahl authentischer Gerichte. Es ist keine verspielte Spitzengastronomie, sondern echte syrische Hausmannskost mit besten Produkten. Eine ziemlich schöne Schilderung ihrer Küche findet Ihr auf den Berlin Foodstories (Link am Ende dieses Artikels). Dann kann ich weiter von Malakeh selbst und ihrem Restaurant erzählen...

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Esszimmer mit ganz persönlicher Aussage

Gegessen wird in einem Raum, der ein bisschen wie ein großes Familienwohnzimmer aussieht, was genau Malakehs Absicht war. Auf den Bänken liegen Kissen mit arabischen Motiven, von Frauen in traditionellen Gewändern bis zu Derwischen. Die steinernen Wände sind mit Teppichen und arabischen Leuchtern geschmückt. Und an der größten Wand hängen zahlreiche Portraits. Was es mit ihnen auf sich hat, frage ich Malakeh. „Das sind meine Idole. Jeden Morgen, wenn ich mit der Arbeit beginne, schaue ich sie mir an und dann wird es ein guter Tag werden.“ Die Auswahl der Menschen, die ihr jeden Tag Mut geben, spricht eine deutliche Sprache. Es sind syrische Schauspieler. Zu einer erzählt mir Malakeh: „Sie ist so etwas wie die Sofia Loren der arabischen Welt, nur viel, viel besser“. Aber auch zwei syrische Komödianten in schwarzen Komödien also Komödien „bei denen man lacht, aber es gleichzeitig weh tut“ erklärt sie. Aber auch der amerikanisch-syrische Filmproduzent Moustapha Akkad, der 2005 zusammen mit seiner Tochter bei Bombenanschlägen in Amman ums Leben kam, hängt an dieser Wand. Oder Ali Ferzat, der auch nach dem Verbot seines Satireblatts, seine Regierungskritik online fortsetzte und schließlich 2011 so brutal überfallen wurde, dass er nicht mehr zeichnen konnte. Sie alle geben Malakeh Jazmati den Mut ihren Weg weiter zu gehen – und ihre Meinung immer offen zu sagen.

Es ist nicht immer alles leicht

Malakeh hat sich ganz sicher nicht mit dem abgefunden, was in ihrem Land passiert. Was also, wenn das Wunder geschehen würde und der Krieg wäre auf einmal vorbei? Würde Malakeh wieder zurückgehen? „Das ist eine schwierige Frage“, sagt sie nachdenklich. „Ich habe inzwischen zwei kleine Kinder und mit ihnen an einem Ort zu leben, der nicht sicher ist, wäre selbstsüchtig. Aber gleichzeitig muss ich mich natürlich fragen: Wer wird dann in meinem Land sein, wer wird es wieder aufbauen. Das wird einmal eine sehr schwierige Entscheidung werden.“ Fast kommt es mir wie eine sehr platte Überleitung vor, aber ich muss Malakeh Jazmati natürlich auch fragen, wie sie es denn schafft, das Restaurant und ihre beiden Kinder unter einen Hut zu bringen und ihre Antwort ist (fast) die selbe, die jede Köchin überall auf der Welt geben wird: „Es ist schwierig. Mein Mann hilft natürlich und ich versuche immer die Balance zwischen meiner Arbeit und meinem Familienleben und dem was mir wichtig ist zu schaffen. Ich versuche es.“

Dabei wünschen wir ihr weiterhin viel Glück.

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Ein Buch, wie seine Autorin

Wer in Berlin lebt oder Berlin besucht, sollte wirklich einmal im „Malakeh“ vorbeischauen. (oder zu ihrer Veranstaltung während des Eat Berlin Festivals gehen) Im Malakeh herrscht kein orientalischer Kitsch, es ist da Ess-Zimmer ein ganz besonderen Frau – die übrigens auch ein Kochbuch geschrieben hat „Malakeh – Sehnsuchtsrezepte aus meiner syrischen Heimat“. Und darin erzählt sie nicht nur von ihrer Geschichte, sondern auch die Geschichten zu den Gerichten. Dazu nur eine kleine Kostprobe:

Kibbeh (frittierte Bulgurtaschen) „Kibbeh ist ein Synonym für Solidarität und Freude, denn wer dieses Gericht zubereiten will, braucht alle seine Nachbarn und Verwandten. Es ist so aufwendig, dass jeder dabei helfen muss. Und wenn die Kibbeh fertig sind, werden sie mit allen im Dorf geteilt, auch mit jenen, die nicht helfen konnten, wie sie krank oder alt sind.“

Und weil Malakeh selbst vieles viel besser ausdrücken kann als ich, möchte ich noch zwei weitere Zitate aus dem Buch hier einfügen:

„Doch zurzeit kann man mein Land nicht besuchen, denn es herrscht Krieg. Dieser Krieg zerstört alles (...). Um ein Land zu retten, braucht es viele Spezialisten: Einer muss die Kultur retten, ein anderer die alten Denkmäler und Bauwerke, der nächste die Kinder und das Wissen. Und einer muss die Traditionen der Küche retten, die ja nicht nur dazu dienen, den Hunger zu stillen.“

Und aus ihrer Danksagung (auch hier nur im Auszug). „Ich danke meiner ersten Köchin, die mein Leben mit Zucker gefüllt und auch für das nötige Salz gesorgt hat: meiner geliebten Mutter.“

Und: „Ich danke einem außergewöhnlichen Mann, der mich nie verlassen hat, als wäre er mein eigener Schatten. Er hat sich vor mich gestellt, um mich gebührend zu präsentieren, er hat sich neben mich gestellt, um mich im Erfolg zu unterstützen, und er steht hinter mir, um mich zu beschützen. Ich danke meinem Freund, meinem allerschönsten Ehemann.“

Dieses Buch berührt im Magen und im Herzen, wie seine Autorin.

Malake, Postdamer Straße 153, 10783 Berlin

Reservierung: online oder 0176-22160998 (und das klappt hervorragend)

https://www.malakeh-restaurant.de/

Das Buch ist erschienen im ZS Verlag München und erhältlich im Buchhandel oder online zum Beispiel über Genialokal https://www.genialokal.de/Produkt/Malakeh-Jazmati/Malakeh_lid_31934642.html

Die oben erwähnte Reportage über das Malakeh mit appetitmachenden Bilder findet Ihr übrigens hier https://berlinfoodstories.com/2019/04/11/malakeh

Copyright Portrait Malakeh: Monika Schuerle für ZS Verlag

alle anderen Bilder: Stephanie Bräuer

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