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Magische Kräuter zurück

27. Juli 2019

Auf einer Kräuterwanderung am Ammersee (südlich von München) kann man nicht nur mehr als 50 essbare Blüten, Blätter, Kräuter, Beeren und Früchte kennen lernen – an denen man größtenteils auch vor der eigenen Haustüre täglich vorbeigeht – sondern wird auch an die (magische) Kraft der Natur erinnert. Von einer Frau, die gelernt hat, ihr Leben so zu leben, wie sie es wirklich will. Und die einen auch ein wenig in eine ganz neue Welt, die Anderswelt entführt.

Kräuterküche macht glücklich. Davon bin ich jedenfalls nach dieser Kräuterwanderung mit Caroline Deiß überzeugt. Denn die Kräuterführerin begeistert nicht nur für die Anwendung von heimischen Blüten, Kräutern, Früchten und Blättern sondern auch dafür, einfach mehr Natur zu genießen. „Was man aus der Natur aufnimmt, bewirkt auf alle Fälle Glücksgefühle“, schwärmt sie. „Probieren Sie es aus. Wenn Sie traurig oder erschöpft sind, gehen sie mal alleine durch den Wald – möglichst mit altem Baumbestand. Da eröffnen sich Impulse, als würden die Bäume mit einem sprechen und plötzlich entwickelt man wieder Freude und ganz neue Ideen.“ Ein bisschen esoterisches Wunschdenken? Also, wenn man die Geschichte von Caroline Deiß kennt, wird schnell klar: Weltfremd ist sie definitiv nicht! Sie hat nur gelernt, was gut für sie ist – und genau danach lebt sie jetzt.

Von der Finanzwelt in die Welt der Natur

Studiert hat die gebürtige Hessin Wirtschaftswissenschaften, danach zehn Jahre in der Finanzbranche gearbeitet, lange ein Finanzunternehmen in München geleitet. Doch wirklich glücklich war sie damit nicht. „Das war mir alles viel zu trocken“, sagt sie. Schon als Kind hatte sie sich allerdings für Pflanzen interessiert und im Garten ihrer Tanten auch alles darüber gelernt: was man essen und wie man all die Kräuter und Blätter zubereiten kann. Irgendwann beschloss sie also, ihr Hobby zum Beruf zu machen und wagte den Sprung in ein ganz anderes Leben. Sie begann ihre Kräuterwanderungen und Kräuterkochkurse mit 5- Gang-Menüs und Brot ohne Sauerteig anzubieten. Außerdem gibt sie auch noch Räucherseminare und zu beiden Themen hat sie bereits ein Buch geschrieben. Und auch wenn sie diese Themen inzwischen sogar ausbauen könnte, hat sie noch ein zweites Betätigungsfeld als Privatlehrerin für Deutsch, Englisch, Französisch und Mathe. „Es macht mir eben beides Spaß, und außerdem bin ich so weder vom einen noch vom anderen abhängig.“

Entscheiden, was man vom Leben will

„Wenn man das Leben lebt, das man eigentlich leben will, dann verschwinden auch chronische Krankheiten oft völlig“, sagt Caroline Deiß und auch das ist nicht einfach so dahingesagt. Sie hat es selbst erlebt. „Ich habe jahrelang an Neurodermitis gelitten, habe alles Mögliche dagegen versucht. Aber nachdem ich beschlossen hatte, endlich das zu machen, was mir gefällt, verschwand die Neurodermitis mit dem Tag, an dem ich mein altes Leben wirklich aufgegeben habe.“

Salat vor der Haustür

Für die Kräuterwanderung treffen wir uns am Bahnhof Herrsching und gehen zunächst zwischen den Häusern zu einem ganz normalen Feldweg, der in Richtung See führt. Aber schon unterwegs, auf einem kleinen Rasenfleck, finden wir ein Salatbeet. „Das, was Sie hier sehen, kann man alles essen: den gelben Rheinkohl (der ein bisschen wie ein kleiner Löwenzahn aussieht), den großen Ampfer, die weiße Lichtnelke, den Löwenzahn. Und gleich daneben natürlich auch die Gänseblümchen – und sowohl die Blätter der Birke als auch der Hainbuchenhecke, vor allem im Frühling, wenn sie schön zart sind. (Hoffentlich gehen hier nicht zu viele Wanderungen vorbei, sonst wird noch alles kahlgepflückt, Schädling; Kräuterwanderer ☺ )

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Chlorophyll als Energieboost

Warum sind grüne Pflanzen eigentlich so gesund? Caroline Deiß: „Grüner Pflanzensaft, dessen Grundlagen in der Sonne gereift sind, ist das Beste, was Sie sich zuführen können. Denn in ihm steckt Chlorophyll, das in den Pflanzen die Sonnenenergie über die Photosynthese verarbeitet. Vereinfacht ausgedrückt: Es verwandelt die Pflanze von einem energiearmen Stoff in eine energiereiches Wesen. Es bringt also auch Energie für unseren Körper und damit ist grüner Pflanzensaft ideal für unser Immunsystem.“ Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die wissenschaftliche Erklärung lautet, aber diese hier klingt doch einfach wunderbar.

Bitter wäre besser

Ja, manche der Kräuter oder Blätter, die wir kennen lernen, schmecken bitter. Und ich, die ich zugegebenermaßen „bitter“ nicht so favorisiere, lerne etwas Neues von unserer Kräuterlehrerin: Jeder Körper braucht Bitterstoffe. Und: Bitterstoffe führen zu einem schnellen Sättigungsgefühl. Unsere heutigen Gemüse sind aber inzwischen so gezüchtet, dass möglichst wenig Bitterstoffe in ihnen enthalten sind. „Essen sie mal einen Wildkräutersalat und Sie werden feststellen, dass Sie sehr viel schneller satt sind als mit dem süß gezüchteten Kopfsalat. Grüne Paprika konnte man früher nur mit Füllung essen, weil sie so bitter waren. Endiviensalat musste man dreimal waschen, damit er essbar war. Und heute? (Ich frage mich gerade, ob das der Grund ist, warum ich heute Zucchini gerne esse ... ) Aber die Lebensmittelindustrie findet es natürlich toll, wenn sie mehr essen. Und Sie fragen sich nur, warum Sie ständig zunehmen!“

Die Anderswelt

Wir finden auf der Wanderung tatsächlich über 50 essbare heimische Pflanzen: Hagebutten, Kornelkirschen, Wiesenbärenklau, Holunder, Spitzwegerich, Malve. Brennnessel, Wiesenstorchschnabel, Wiesenpippau, Königskerze, Johanniskraut, Ackersenf, Giersch und Baldrian, um nur ein paar zu nennen. Aber wie diese aussehen und wie man sie verwenden kann, ist ja auch nachlesbar – oder man geht eben auf eine Kräuterwanderung, die man in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz zwischen April und September/Oktober finden kann. Caroline Deiß nimmt uns aber noch auf eine andere Reise mit, auf die in die „Anderswelt“ (Definition Wikipedia: Die Anderswelt, auch Anderwelt, Andere Welt, Anderes Land ist in der keltischen Mythologie der auf einer anderen Ebene existente Wohnort verschiedener mystischer Wesen und mythischer Personen), die eng verbunden ist mit unserer Sagen- und Märchenwelt. Und da ich Märchen und Sagen liebe, finde ich diese Reise sehr schön. Hier nur zwei Beispiele:

Avalon das Apfelland und Frau Holle

Caroline Deiß erzählt: „In der Sage von König Artus war das Paradies, das der Heiden, das Apfelland genannt Avalon. Dort liegt König Artus bis er wieder geboren wird. Und weil es das Paradies der Heiden war, ist auch der Apfel die (verbotene) Frucht, mit der Eva Adam verführt hat. Aber ich finde die Idee des Apfellandes doch eigentlich sehr schön, ich würde auch gerne nach dem Tod nach Avalon wandern.“ Die zweite Sage, die uns Caroline Deiss erzählt: Der Hollunderbusch ist der Busch von Frau Holle, die in ihm wohnt. Deswegen durfte er bei den Germanen in keinen Hof fehlen. Zu seinen Füßen wurden Frau Holle kleine Opfergarben gebracht, damit sie das Leben und die Gesundheit der Pflanzen und Tiere und Menschen am beschützen sollte. Und Pechmarie und Glücksmarie, aus dem Märchen der Gebrüder Grimm, die zu Frau Holle gehen, stehen dafür, dass man für das belohnt wird, was man im Leben gutes tut. Dahinter steckt er Wiedergeburtsgedanke, denn die beiden sind ja, bevor sie zu Frau Holle kamen, in den Brunnen gefallen (also eigentlich schon tot). Die Gebrüder Grimm haben in ihren Märchen keine neuen Geschichten erfunden, sondern nur Volksglauben und Märchen aufgegriffen.

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Mein ganz einfaches Lieblingsrezept

Aber natürlich geht es bei der Kräuterwanderung nicht nur um Märchen, sondern auch um Rezepte mit unseren gesammelten Pflänzchen. Nach allem, was ich an diesem Tag über Bitterstoffe gelernt habe, muss ich mich ein wenig schämen, dass mein Lieblingsrezept doch wieder süß ist – aber vielleicht liegt das auch daran, dass es so einfach ist. Ich hatte noch nie zuvor von „Mädesüß“ gehört. Die Pflanze mit der zarten weißen Blüte (im Bild hat leider der Wind geweht und sie wollte einfach nicht stillhalten) wird auch die „deutsche Vanille“ genannt. Und wenn man die Blüten über Nacht in flüssige Sahne einlegt und diese am nächsten Tag aufschlägt, „dann kann es passieren, dass Ihre Gäste nur noch die Sahne essen“, lacht Caroline Deiß. Ich habe es ausprobiert – stimmt. 

Nur Kräuter sammeln, die man identifzieren kann

Man kann tatsächlich sehr vieles, was auf unseren Wiesen wächst, nicht nur essen, sondern auch genießen. Aber Carolin Deiß warnt auch davor, Experimente mit Pflanzen zu machen, die man nicht identifizieren kann. Zwar ist die Vergiftungsgefahr bei Kräutern deutlich niedriger als bei Pilzen, doch es gibt eben auch giftige und zumindest sehr unverträgliche Pflanzen. Natürlich sind Kräuterwanderungen eine Möglichkeit, die „Guten“ kennen zu lernen. Caroline Deiß empfiehlt aber auch ein bisschen Lektüre: „Sie können sich auch über zwei sehr gute Online-Portale informieren. Das ist zum einen www.blumeninschwaben.de und www.arzneipflanzenlexikon.de, Und wenn Sie ein Buch auf Ihre nächsten Wanderungen mitnehmen möchten, empfehle ich „Was blüht denn da““ erschienen im Kosmos Verlag, da finden Sie über 1500 Fotos und Sie können die Pflanzen nach Farben nachschlagen.“

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Ein bisschen Kräuterwanderung zum Nachlesen bietet natürlich auch Caroline Deiß Buch: „Die Magie der Wildkräuter“, erschienen im Christian Verlag mit vielen, gut nachkochbaren Rezepten. Hier (oben) nur zwei Beispiele (Copyright Bente Hintzen) : unten Saftige Brennessel Pastete im Blätterteigmantel, oben: Weißwein-Lasagne mit Blättern und Blüten vom Wiesenbärenklau

Und mehr zu Caroline Deiß gibt es hier 

Eine andere "Kräuterhexe" (und Köchin) auf den Culinary Ladies ist auch "Fräulein Almchemilla",

Bildnachweis für alle Bilder ausser den beiden Rezeptbildern vom Christian Verlag: Stephanie Bräuer

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