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Immer ein bisschen besser zurück

01. April 2019

Sie ist eine der größten Unternehmerinnen Deutschlands, dabei aber stets am Boden geblieben. Ihr gehören zwei Unternehmen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnte: Der Metzgerei-Filialist Vinzenz Murr und die Modemarke Aigner. Sie hat zwei Söhne, eine Tochter und acht Enkel – und denkt gar nicht daran, sich als „nur“-Oma zur Ruhe zu setzen. Als sie im November 2018 mit dem Deutschen Handelspreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, kam eine attraktive Frau im strahlend gelben Abendkleid auf die Bühne und meinte: „Ich weiß eigentlich gar nicht, für was ich diesen Preis bekomme.“ Nun, Verleger Dirk Ippen, der die Laudation für den Preis an Evi Brandl übernommen hatte, wusste es schon und er begann mit den Worten: „Manche große Unternehmer haben wir schon scheitern sehen an zu viel Hybris. So etwas gibt es im Leben unserer Preisträgerin nicht.“

Ich habe mich sehr gefreut, dass sich Evi Brandl, die eigentlich sehr ungern Interviews gibt, die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Und auch, wenn man in einem solchen Gespräch einen Menschen natürlich nicht wirklich kennen lernen kann, beeindruckt mich die Kraft und Lebensfreude, die sie ausstrahlt. Und ich bedanke mich für kurze Einblicke in eine Unternehmensgeschichte, die 1902 begann und schon immer auch von starken Frauen geprägt war.

Frau Brandl, eigentlich war ja ihr Bruder für die Nachfolge des Familienunternehmens vorgesehen, doch er verstarb leider sehr früh. War Ihnen damals schon klar, dass Sie nun übernehmen würden.

Ich war damals zehn Jahre alt und das war ein Einschnitt in die Familie, nach dem nichts mehr so war wie früher. Dann hatte meine Mutter ihren ersten Herzinfarkt als ich 17 Jahre alte war. Also bin ich nach dem Gymnasium in die Firma eingestiegen. Und 1963 – es war das Todesjahr meine Mutter – übernahm ich als sehr junge Frau mit 24 Jahren die Verantwortung für den Verkauf und die Verwaltung.

Gab es für Sie überhaupt keine Frage, in den Familienbetrieb einzusteigen?

Wissen Sie, meine Großeltern haben 1902 den Betrieb in der Schellingstraße, im Herzen von Schwabing, gegründet. Meine Eltern haben ihn nach dem Krieg wieder aufgebaut. Der Schwabinger Betrieb war beschädigt, die erste Filiale in der Rosenstraße lag in Schutt und Asche. Und dann hat man damals eben einfach viel gearbeitet. Mein Vater hat mir erzählt, dass er Ziegel abgeklopft und aufgestapelt und am Wiederaufbau selbst mitgeholfen hat, einfach damit man wieder verkaufen konnte und dass wieder etwas nach vorne ging. Da kann man nicht ein paar Jahre später sagen: „Ich mach’ was anderes!“

Sie sind dann in die Schweiz gegangen und haben dort die praktischen Grundkenntnisse des Metzgerhandwerks gelernt, haben kaufmännische Abendkurse besucht und waren seitdem ununterbrochen in Ihrer Firma?

Ja. Und zusammen mit meinem Mann, der bis vor ein paar Jahren die gesamte Produktion verantwortet hat, haben wir die Expansion über eigene Geschäfte vorangetrieben – bis zu heute 240 Filialen überwiegend in Südbayern, davon 150 in und um München. Da hört man zurecht einen großen Stolz auf ihr gewachsenes Unternehmen heraus, das allerdings immer ein Familienbetrieb geblieben ist. Ich habe ja auch schon als Kind noch ganz andere Zeiten miterlebt. Mein Bruder hatte damals in der Schellingstraße im Hausgang Suppe, für die wir Knochen ausgekocht haben, verteilt. Da standen die Menschen Schlange von der Amalien- und der Türkenstraße. Wenn man so etwas noch miterlebt hat, entsteht eine ganz andere Bindung an ein Geschäft. Und man geht auch ganz anders mit Mitarbeitern um. Wir hatten damals auch viele Mitarbeiter, die sich später selbstständig gemacht haben und die immer von meiner Großmutter und meiner Mutter geschwärmt haben. Und das hat mir natürlich den Antrieb gegeben, es ähnlich zu machen. Es ist ja auch eine Wahnsinnszeit, die ich da miterlebt habe. Schließlich gibt es wenige Unternehmen, die sich auf so lange Zeit bewährt haben. Für mich gelten noch immer viele Werte meiner Großeltern.

Ihre Mutter und Großmutter waren also Vorbilder für Sie. Mir ist schon aufgefallen: Betritt man die Vinzenz Murr Zentrale in München, dann hängen dort sowohl die Portraits ihres Großvaters UND ihrer Großmutter, als auch ihre Vaters UND Ihrer Mutter.

Ja, sowohl meine Großmutter als auch meine Mutter waren starke Frauen. Was sie beide geleistet haben, ist einfach nur beeindruckend. Meine Großmutter hat in der Nazizeit auch jüdische Nachbarn Juden bei sich versteckt und hat gleichzeitig immer etwas für den Laden in der Schellingstraße bewegt. Das sind wunderbare Vorbilder.

Gab es schon aus dieser Historie heraus für Sie nie Probleme als Chefin eins Metzgereibetriebes?

Am Anfang vielleicht. Ich habe aber in der Firma auch alles persönlich gemacht. Und ich hatte nie Probleme mit dem Respekt durch die der Mitarbeiter. Schon alleine, weil ich immer anwesend war. Man kann in einer Metzgerei nur mit Leistung und Fleiß etwas erreichen. Als ich übernommen habe, waren es 65 Mitarbeiter, heute sind es 2200.

Sie haben schon sehr viel Wert auf Ausbildung im eigenen Haus gelegt.

(ein Strahlen geht über ihr Gesicht) Ja! Wir haben derzeit über 300 Auszubildende, das ist großartig. Darauf legen wir den höchsten Wert, denn sie sind unsere Zukunft. Wir bilden den Großteil wir unserer Mitarbeiter selbst aus:  Metzgereifachverkäufer, Metzger in der Produktion und in kaufmännischen, inklusiv IT-Berufen.

Handwerk und Gastronomie beklagen einen deutlichen Rückgang bei den Lehrstellen? Wie sieht es denn bei Metzgern aus?

Es gibt tatsächlich kaum mehr Bewerber. Wir akquirieren überall. Wir gehen auch in die Schulen. Das ist ein Thema, über das ich lange reden könnte.

Dann machen Sie doch hier mal Werbung für den Beruf: Wenn wir jetzt mal vom Metzgerei-FachverkäuferInnen sprechen.

Das ist ein wunderbarer Beruf, den man mit viel Leidenschaft machen kann. Er ist sehr vielseitig. Heute kann man sich zum Beispiel ja auch noch zusätzlich als Fleischsommelier ausbilden lassen. Man hat mit Menschen zu tun, denen man Genuss verkaufen darf – das ist doch wirklich sinngebend. Ich würde mich heute gerne noch manchmal in einen Laden stellen – und manchmal mach ich das auch.

Haben Sie das Gefühl, dass der Rückgang daran liegt, dass das Handwerk rückläufig ist, oder, gerade in Ihren Fall, dass plötzlich alle Vegetarier und Veganer werden.

Also diese Trends (und die Menschen dahinter) muss man zwar erst nehmen, aber ich glaube, der Rückgang von Fachkräften auch in unserer Branche hat damit gar nichts zu tun. Das liegt am ganz allgemeinen Rückgang von Fachkräften, der fast alle Branchen betrifft.

Und noch eine Art Trend. Ist denn Bio und das Bewusstsein für gutes Fleisch eine Chance für Sie? Oder das Thema „Regionaliät“?

Ganz ehrlich: Wir würden gerne mehr Bio verkaufen, aber es sind tatsächlich nur zwei Prozent der Kunden, die bereit sind, den damit verbundenen Preis zu bezahlen. Wir haben uns auf die „Regionalität“ spezialisiert und daher auch seit 1984 das Markenfleischprogramm „Hofgut Schwaige“, mit einer Reihe von Auflagen, angefangen von der natürlichen Fütterung über die verantwortungsvolle, tiergerechte Haltung bis hin zu den kurzen Transportwegen und eigener Schlachtung.

Die Marke ist aber kein einzelner Landwirtschaftsbetrieb?

Nein, aber wir arbeiten mit einigen Landwirten zusammen, die wir gut kennen. Im Münchner Umland gibt es zum Beispiel den Landwirt Kern, der uns schon seit 30 Jahren mit Schweinen beliefert. Nicht weiter weg ist auch das städtische Gut Karlshof. Von dort beziehen wir unsere Ochsen. Wir legen sehr großen Wert darauf, dass wir unser Fleisch nicht irgendwo in Holland, Belgien, Husum oder irgendwo sonst einkaufen. Wir kennen die Landwirte und wissen daher auch genau, wie die Tier aufgezogen und wie gefüttert werden. In diesem Bereich ist auch mein Sohn sehr aktiv, schaut sich die Ställe und die Tiere vor Ort an. Mit unseren Filialleitern fahren wir beispielsweise auch zum Karlshof, damit sie sich vor Ort ein Bild machen können. Wir sind schließlich ein Meister- und kein Industriebetrieb.

Nun haben sie ja wirklich sehr viel erreicht in Ihrem Leben – und jetzt noch der Preis für Ihr Lebenswerk. Da könnte man sich doch auch mal zur Ruhe setzen?

Das kann ich nicht. Ich habe auch nie gesagt. „Ich hör dann und dann auf“. Der liebe Gott wird mir das einmal sagen. Es ist doch eine so spannende Zeit, man kann so viel bewegen. Das alles ist meine Leidenschaft. Ich habe mich in jungen Jahren entschieden, das zu machen und für mich galt auch, es nicht nur gut, sondern immer ein bisschen besser zu machen. Das stand übrigens auch in meinen Läden über den Türen der Personalräume: „Immer ein bisschen besser“ Und wenn man dann wie ich mit jedem Detail des Geschäftes zu tun hat, kann man nicht einfach sagen: „So, jetzt bin ich im Rentenalter, jetzt höre ich auf."

Tatsächlich gehört Ihnen ja sogar noch ein anderes Unternehmen – die Modefirma Etienne Aigner.

Ja. Die Marke Etienne Aigner war mir als Münchner Unternehmerin wichtig, als sie vor einigen Jahre in der Krise steckte. Ein großes internationales Unternehmen hatte die Hände bereits danach ausgestreckt und ich wollte vermeiden, dass Aigner in ausländische Hände fiel. Das wäre doch schade gewesen – die letzte deutsche Ledermarke! Und ich bin schon stolz darauf, dass Aigner inzwischen als Luxusmarke in internationalen Raum nicht mehr wegzudenken ist. Es war eine langer Weg, eine Marke wieder so aufzustellen und Vertrauen zu gewinnen. Wir konnten viele Kunden aus früheren Zeiten wieder zurückgewinnen und mittlerweile auch eine jüngere Zielgruppe für uns begeistern.

Metzgerei und Mode – was haben die, außer dem „M“ am Anfang, miteinander zu tun?

Ich sehe Aigner gar nicht als Kontrastgeschäft zu unserem Haus. Wir leben bei Aigner das Handwerk, wie wir es auch bei Vinzenz Murr tun. Ich kenne in Deutschland keine andere Ledermarke, die eine eigene Feintäschnerei aufgebaut hat. Hier werden Erstmuster und Modenschauprodukte hergestellt und alle Reklamationen sehr persönlich behandelt. Wir bilden auch jedes Jahr durchschnittlich vier Feintäschner aus und bis zu zehn Azubis als Groß und Einzelhandelskaufleute.

Sie haben mit etwa 50 Prozent angefangen, heute gehören ihnen 100 Prozent. Warum war es Ihnen so wichtig die Kontrolle zu haben?

Wir mussten vieles verändern, die gesamten Strukturen. Trotz der 100 Prozent ist es zwar immer noch eine AG geblieben, wird aber wie ein Familienunternehmen geführt. Und das war mir wichtig. Es ist doch so: Soll und Haben sind überall gleich, nur Menschen und wie man sie führt, machen den Unterschied. Und es macht unheimlich viel Spaß wenn man Leute hat, die richtig gut Gas geben - egal ob bei Vinzenz Murr oder Aigner.

IMG_2284.jpgDas letzte Ihrer Projekte, das ich noch ansprechen möchte, hat ebenfalls nichts mit Gastronomie zu tun, aber viel mit Ihnen persönlich. Die Stiftung.

Es ist nur eine Zustiftung. Ich bin ja Mitglied im Kuratorium von Dr. Irène Lejeunes Stiftung „Herz für Herz“, die bedürftigen Kindern aus dem In- und Ausland zu einer lebensnotwendigen Operation verhelfen. In Vietnam zum Beispiel kommen immer noch viele Kinder zur Welt mit Behinderungen, die Folgen des Agent Orange sind, dem Gift, dass die Amerikaner versprüht haben, damit die Bäume ihre Blätter verlieren und sie den Feind besser sehen konnten. Besonders verbreitet bei diesen Kindern sind kleine Löcher in den Herzen, mit denen sie nicht überleben könnten. Und wir haben jetzt schon über 4000 Kindern das Leben gerettet, das ist doch großartig. Wie gesagt, wenn ich hier „wir“ sage, dann ist das die Stiftung „Herz für Herz“.

Sie haben aber innerhalb dieser Stiftung auch ein Projekt besonders gefördert.

Ja, in Ho-Chi-Minh-Stadt habe ich im Universitätsklinikum eine Abteilung für Kinderkardiologie eingerichtet. Prof. Netz von der Kinderkardiologie in Großhadern hat dabei geholfen, die vietnamesischen Ärzte entsprechend auszubilden. Und die sind so fleißig und engagiert! Und wenn man dort vor Ort eines der Kinder auf dem Arm hat, dann wird einem ganz anders. Ich habe acht gesunde Enkelkinder und hatte habe ein erfülltes, glückliches Leben, da wollte ich einfach etwas zurückgeben. Und ich bin immer noch dabei. Dieses Engagement macht mich selbst glücklich. Es ist doch schön, in der Lage zu sein, helfen zu können.

Sie sind ganz offensichtlich noch lange nicht am Ende. Was sind denn Ihre neuesten Pläne?

Ach eigentlich nur das, was ich mache, noch besser zu machen.

Dann sind sie ja bei Ihrem Motto geblieben?

Ja. Mein Antrieb dafür ist die Freude an meiner Arbeit. Mein Credo ist die Begeisterung für das Geschäft und für das Leben.

Ein wunderbares Schlusswort. Dann bleibt mir nur noch einmal „Herzlichen Dank“ zu sagen, dass sie sich für mich und für die Culinary Ladies Zeit genommen haben. Ihre Geschichte zeigt nicht nur, dass es starke Frauen nicht erst heute gibt, sondern ist auch Vorbild für viele junge Frauen. Chapeau!

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