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Die Genuss Botschafterin zurück

17. Februar 2019

Kennengelernt habe ich Annick Seiz, weil wir beide an der IHK Akademie München im Fachbereich Sommellerie & Ernährung seit einigen Jahren Gastdozenten im Bereich Marketing sind. Seitdem haben wir uns immer mal wieder getroffen, jedes Mal viel gelacht und oft darüber gesprochen, was man im Bereich der Gastronomie so alles machen kann. Klar also, dass sie zu den Culinary Ladies gehört und ich zeigen möchte, was sie, die sich „Genussbotschafterin“ nennt, eigentlich so macht – übrigens als dreifach Mutter (was man an dieser Stelle bei einem Mann gar nicht erwähnen würde, ich weiß ...) . Es geht in unserem Gespräch aber auch über den achtsame Genuss von Alkohol, um Frauen in der Welt der Spirituosen und um Engelchen, die sich für’s Schnapsnaschen bedanken.

Was macht eigentlich eine Genussbotschafterin?

(sie grinst) Naja, den Titel habe ich mir ja selbst verliehen, aber er beschreibt doch ziemlich genau das, was ich seit mittlerweile 20 Jahren in der Wines & Spirits Branche unter meiner Arbeit, meiner Mission verstehe: Andere mit Ideen, für die ich selbst brenne, anzuzünden, also für Produkte, die Geschichten und das Handwerk, das hinter ihnen steht – alles im Bereich Genuss natürlich – zu begeistern.

Kannst du das etwas genauer erklären?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Tatsächlich habe ich zunächst mal ganz klassische BWL mit Schwerpunkt Marketing in Frankreich und Deutschland studiert. Entscheidend war aber, dass ich die erste Hälfte des Studiums in Reims, also im Herzen der Champagne absolviert habe. Bis zu diesem Zeitpunkt, ich war 19, hatte ich noch keinen Tropfen Alkohol getrunken, also bestimmt auch nicht vor, beruflich mit diesem Thema zu tun zu haben.

Im Alter von 19 noch nie Alkohol? Warst Du so ein braves Mädchen?

Eigentlich nicht, aber ich hatte mit 14 angefangen bei uns im Dorf an der Bar zu jobben. Da bestellten die Leute billigen Wodka mit Orangennektar oder literweise no name Whiskey-Cola, was oft entsprechende Auswirkungen auf die Gäste hatte… und mich zur. Alkoholabstinenz gebracht hat. Das hielt ich die gesamte Schulzeit durch, sogar auf der Abifeier gab’s für mich nur Wasser und Limo. Meine fünf Jahre ältere Schwester hat zwar gemeint, ich käme schon noch auf den Geschmack, aber ich war mir ganz sicher: „Nie im Leben!“ – und habe ihr das sogar schriftlich in Form eines unterzeichneten Vertrages versprochen (den sie mir peinlicherweise viele Jahre später bei meiner Hochzeit unter viel Gelächter wieder unter die Nase hielt, nachdem wir flaschenweise Champagner gesäbelt hatten…).

Und wer hat dich dann in Reims verführt?

Ich saß in meiner ersten Vorlesung – Statistik – war auf dröge Zahlen gefasst – und was kam: Eine Champagnerprobe! Der Dozent hatte einen Winzer eingeladen, der uns voller Stolz von seinem Beruf und seinen Produkten erzählte und meinte: „Ihr Ausländer müsst jetzt wissen, wo ihr überhaupt seid. Denn das hier ist eine der wichtigsten Regionen Frankreich, das Herz unserer Genusskultur! Das müsst ihr erstmal emotional erfahren!“ Da konnte ich natürlich nicht einfach kneifen.

Und, war es fürchterlich?

Es war Liebe auf den ersten Schluck! Und um mich war es geschehen.

Aber beruflich bist du dann doch nochmal „fremdgegangen“?

Ja, ich wollte etwas „ethisch Vertretbares“ machen und bin in die Pharmaindustrie gegangen?

??????? Ethisch vertretbar: Marketing in der Pharma-Industrie?

(lachend) Na gut, ich gebe zu: noch schlimmer wäre die Waffenindustrie gewesen. Aber ich hab’ ja dann doch zum Glück „von den Tabletten zum Alkohol“ gewechselt (grinst).

Klar, wenn schon Drogen, dann welche, die schmecken! Sorry, das war eine Steilvorlage. Wohin bist Du gegangen?

Zu LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) in München. Dort habe ich fast acht Jahre Marketing für Champagne Veuve Clicquot gemacht sowie für das internationale Weinsortiment und diverse Spirituosen des Unternehmens.

Macht man Marketing für ein Produkt, muss man es aber doch auch kennen. Woher kam dein Wissen?

Neben diversen Trainings habe ich mir das Meiste autodidaktisch erarbeitet, bin dann auch stellvertretend für die Firma zu den Treffen der Sommelierunion gegangen und habe so wertvolles Wissen und gute Kontakte zur Profibranche bekommen.

Und du hast Deine eigene Erfahrung genutzt um das Trainingsprogramm bei Moët Hennessy Deutschland auszubauen?

Ja, denn dass neue Mitarbeiter sich eigentlich nur die Broschüre durchlesen konnten, fand ich nicht ausreichend. Ich habe also ein Programm für Mitarbeiter im Innen- und Außendienst aufgesetzt, in dem sie gelernt haben, nicht nur klassische Marketing-Inhalte weiter zu geben sondern auch fundiertes Fachwissen, Hintergründe zur Philosophie der Produkte, zum Handwerk und zu den Geschichten hinter der Marke. So entstehen auch beim Kunden mehr Wertschätzung und eine viel höhere Emotionalität. Zudem habe ich mehr und mehr unsere Produkte auch in Kooperation mit dem Vertrieb in der Gastronomie und im Handel geschult und in Form von moderierten Tastings präsentiert.

Das klingt nach einer tollen Aufgabe. Warum hast du dich dann selbstständig gemacht?

Naja, dann kamen meine drei Kinder praktisch alle gleichzeitig – der älteste ist nur ein knappes Jahr älter als die Zwillinge – und die Selbstständigkeit hat mir erlaubt, meine beruflichen Tätigkeiten deutlich besser mit der Zeit für die Kids zu vereinen. Und zudem steht mir in der Selbständigkeit das komplette Angebot an tollen Produkten zur Verfügung … .

Hmm, drei kleine Kinder und dabei eine Selbstständigkeit aufbauen klingt jetzt nicht gerade nach Relax-Programm?

Am Anfang fand ich das auch ziemlich sportlich. Aber es war mein Mann, der mich ein bisschen „getreten“ hat, indem er mir deutlich gemacht hat: „Du musst das jetzt machen, sonst sind die Kontakte weg“. Und damit hatte er Recht. Man startet praktisch jede Selbstständigkeit tatsächlich am besten mit Kontakte, die man schon hat. Dann muss man sich nicht in die Kaltakquise stürzen, sondern spricht mit Menschen, die man kennt und schätzt und die einen selbst kennen und schätzen und wissen, wofür man brennt und deswegen Lust haben, mit einem zu arbeiten.

Hat das Familienleben darunter gelitten?

Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Nie! Es kommt wirklich vor allem auf die viel zitierte Qualität und nicht die Quantität der Zeit an, die man mit seinen Kindern verbringt. Wenn wir als Familie Zeit haben, dann machen wir auch wirklich etwas zusammen. Da ist viel wichtiger, als dass ich jeden Tag den ganzen Tag zu Hause bin. Ich bin im Notfall immer greifbar.

Keine Beschwerden von Seiten der Kinder?

Nein, ich glaube auch, dass sie unter anderem deswegen schon sehr selbstständig sind und es toll finden, dass sie eine Mutter haben, die Spaß an ihrer Selbstständigkeit hat. Meine Tochter hat mir vor kurzem gesagt, dass sie selbst später unbedingt selbstständig sein will, weil sie es total spannend findet, was ich so mache.

Eine bessere Bestätigung kann es ja eigentlich nicht geben. Und es zeigt mal wieder, das Vorleben eben doch die beste Prägung gibt. Übrigens, ganz ohne „Ostalgie“ bitte: Ich habe interessanter Weise viele Frauen kennen gelernt, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind (nicht wie du im Schwabenländle) und für die Berufstätigkeit und Familie völlig selbstverständlich sin, weil es dort einfach üblich war.

Stimmt. Aber ich glaube, egal, wie man sich das aufteilt, das Wichtigste sind wirklich gemeinsame Erlebnisse. Wir essen zum Beispiel auch gerne zusammen. Mein Mann ist leidenschaftlicher Koch und uns allen ist das Thema Esskultur wirklich wichtig. Das bringt einen auch ganz wortwörtlich an einen Tisch.

Mir fällt gerade auf. Wir wissen immer noch nicht, was du jetzt eigentlich genau machst?

Also am Anfang hieß mein Thema „Marketing für emotionale Produkte“ und der Schwerpunkt lag bei Texten. Ob jetzt Broschüre oder Verkostungsnotizen oder auch Websites, ich habe schon in meiner Zeit als Brandmanager bei vielen Textprodukten festgestellt, dass ich am besten meine Texte selber schreibe, denn am Markt gab es nur die Auswahl aus fachlich korrekt aber kompliziert oder endverbrauchertauglich aber falsch. Aber für mich ist beides gleichermaßen wichtig für die erfolgreiche Produktvermarktung. Und da habe ich mir gedacht: „Wenn ich selbst keinen gefunden habe, der das kann – dann suchen es andere auch und ich kann es anbieten. Meine Kunden waren (und sind) also Importgesellschaften, Brennereien/ Winzer, Duty Free Shops/ Flughäfen oder Agenturen im Bereich der Wines & Spirits. Schon bald kamen Dozententätigkeiten, Trainings und Moderationen im In- und Ausland dazu, die heute, knapp 10 Jahre nach der Gründung, den Hauptanteil meiner Arbeit als Genussbotschafterin ausmachen. Seit Kurzem gehören auch das Thema Bier sowie die Entwicklung von Food Pairings zu meinem Portfolio und zum Jahresende wurde ich in der Chaîne des Rôtisseurs als Dame de la Chaîne aufgenommen.

Du trainierst also die Mitarbeiter fachlich korrekt aber emotional über ihre Produkte zu sprechen?

Genau. Natürlich geht es auch um Basiswissen, das muss ganz schnell abrufbar sein. Aber Storytelling und Emotion gehören eben auch dazu.

Ich will ja jetzt kein Spielverderber sein, aber du hast ja selbst mal eine SEHR kritische Haltung zum Alkoholkonsum gehabt. Wie siehst Du das heute?

Das lustige ist: Je mehr ich über diese Produkte erzähle, desto weniger trinke ich. Nicht, weil es mich abschreckt. Nur, erstens arbeite ich sehr viel in Bereichen, in denen es sehr teuer würde, sich damit einfach zu betrinken (sie lacht) Nein, ganz im Ernst: Wenn du ein echter Genießer bist, dann missbrauchst du diese Produkte nicht und du missbrauchst auch deinen eigenen Körper nicht. Genuss ist gelebte Achtsamkeit.

Genuss ist gelebte Achtsamkeit! Was für ein schöner Gedanke!

Danke – da Thema ist mir auch wirklich bei all meinen Trainings oder Moderationen wichtig. Achtsamkeit ist auch etwas, das ich MIR antue. Es geht darum, welche Qualität von Produkten und welche Mengen ich meinem Körper antue. Und letztendlich: Wenn du dich mit dem Handwerk, mit der Leidenschaft, die hinter der Entstehung vieler Produkte stehen, beschäftigst, dann kannst du viele Produkten eben nur ehrfürchtig und kleinschlückchenweise trinken, weil es fürchterlich wäre, sie einfach nur runter zu trinken. Ein gutes Essen schlingst du ja auch nicht einfach in dich rein.

Wäre das alles nicht auch interessant für normales Publikum, also Endverbraucher?

Natürlich, das Thema spreche ich auch kurz an, wenn Kunden von mir zum Beispiel wiederum Genussveranstaltungen mit Endverbrauchern machen, die ich dann moderiere. Am meisten Spaß macht in diesem Rahmen die Kombination von Trinken und Essen, weil man dann den Genuss auch ganz spielerisch vermitteln kann. Die Leute können unter Anleitung selbständig verkosten, kombinieren und erleben. Und selbst wenn es vor Ort kein Essen gibt, habe ich inzwischen immer ein paar Rezepte dabei, damit mache ich den Leuten dann per Kopfkino den Mund wässrig.

Nochmal ein anderes Thema, da hier natürlich unbedingt hingehört. Frauen und Wein oder Champagner ist ja ganz normal, aber Frauen und Spirituosen, also die „harten“ Sachen, ist das nicht manchmal ein schwieriges Thema?

Ach, das muss man mit Humor nehmen. Ich hatte da zwei lustige Erlebnisse: Eins war eine Whisky-Veranstaltung, die ich moderiert habe. Ich stand mit dem Veranstalter gemeinsam zur Begrüßung am Eingang – und bekam, anstatt der Begrüßungshand, von mehreren männlichen Gästen ganz selbstverständlich den Mantel über den Arm gehängt. Das ging so schnell, ich war erstmal nur verblüfft. Aber ich habe die Mäntel dann auf die Bühne mitgenommen und gesagt: „Also, diejenigen, denen diese Mäntel gehören, die sie mir so freundlich anvertraut haben, können sie gerne später hinter der Bühne abholen. Ansonsten möchte ich Sie alle begrüßen. Ich bin Genussbotschafterin für Whisky & andere Spezialitäten der Welt und werde sie durch den heutigen Abend führen.“ Und ein anderes Mal kam ich zu einem großen Händler, der seit Jahrzehnten Tastings veranstaltet und mich für mehrere Tage gebucht hatte. Als ich kam, hat er mich SEHR verwundert angeschaut und gemeint. „Wo ist denn Herr Seiz?

Aber Annick ist doch kein Männername!

Eigentlich nicht, sondern ein typischer Frauenname aus der Bretagne, aber für die Deutschen wohl doch ungewöhnlich. Mein Kunde hatte aus der Erfahrung heraus einen HERRN Seiz erwartet. Ich habe gelächelt und gemeint: „Also mein Mann ist zu Hause, aber der könnte Ihnen die nächsten Tage auch nicht so viel helfen.“ Letztendlich lief natürlich alles super – und wir werden auch in Zukunft wieder zusammenarbeiten.

Liebe Annick, Du hast mir auch schon von den „Sharing Angels“ erzählt, einem Zusammenschluss der (wenigen Frauen) in der Spirituosenbranche und das ist natürlich demnächst ein tolles Thema für die Culinary Ladies.

Aber kannst Du mal ein bisschen teasen, was sich hinter dem Namen „Sharing Angels“ verbirg?

Der Name ist eine Anspielung auf den berühmten „Angels‘ Share“: während der Reifung im Fass verliert eine Spirituose über die Jahre an Wasser bzw. Alkohol, das ist ein ganz normaler Vorgang. Viel schöner ist aber die Idee, dass es Engelchen gibt, die diese Fässer bewachen und zum Dank ab und zu kleine Schlucke von der Spirituose naschen dürfen und sich somit ihren Anteil (share) holen. Mehr erzählen dir und deinen Lesern dann ganz sicher die Gründerinnen der Sharing Angels.

Link zu Annicks Website

Text: Stephanie Bräuer

Bildrechte: Annick Seiz

Und hier zu der Frau, über die Annick und ich uns kennengelert haben: Astrid Löwenberg, Sommerlier und Leiterin, des Fachbereichs Sommellerie & Ernährung

Oder ihre Mitarbeiterin und TV-Weinberaterin Conny Ganss

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