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Freiheit und harte Arbeit zurück

22. Jänner 2019

Anita Kohler ist Sennerin. Ihre „Alp Seili“ liegt im schönen Berner Oberland, bei Meiringen, im Reichenbachtal, auf einer Höhe zwischen 1350 und 1660 Metern (dieser Höhenunterschied bezieht sich auf die verschiedenen Weiden). Sie hat vor Jahren einen Winterkurs der Bäuerinnenschule Waldhof besucht und hat dort eine Frau kennen gelernt, die regelmäßig „auf die Alp“ ging. Dort hat Anita Kohler sie öfter besucht und war schließlich so fasziniert von dieser Tätigkeit, dass sie, sobald sie von einer freien Stelle als Zusennerin auf einer anderen Alp hörte, sofort zugriff. Zwei Sommer verbrachte sie dort, dann noch drei auf einer anderen Alp. In dieser Zeit lernt sie ihren Mann kennen, ebenfalls „Alpler“ und Käser. Aber als dann die Kinder kamen und sie gemeinsam ja auch noch den eigenen Landwirtschaftsbetrieb bewirtschaften mussten, waren beide drei Sommer lang nicht auf dem Berg. Doch dann hörten sie, dass die Seili Alp frei wurde und konnten sie 2006 übernehmen. Wobei die Alp und die Käserei schnell vor allem Anita Kohlers Zuständigkeit wurden.

Am Ende dieses Interviews auch noch ein bisschen zum Swiss-Cheese-Award und meinen Erfahrungen als Jury-Mitglied im Herbst 2018

Zunächst einmal: Alpwiesen, Kuhglockengeläut, frische Milch und Käse, das klingt nach einem Heidi-Traum?

Ja, viele denken dabei immer an die schöne Alpenromantik. Ein bissen Melken, ein bisschen Käsen und ein bisschen vor der Hütte sitzen. Dabei steckt schon harte Arbeit dahinter und das von früh bis spät, sieben Tage die Woche. Daran muss sich erst dran gewöhnen. Und der Tagesablauf ist immer gleich. Ich hatte auch schon Angestellte, die fanden im ersten Monat alles toll und schön und jööh. Aber im zweiten Monat merkt man dann die körperliche Müdigkeit von der ungewohnten, strengen Arbeit . Da braucht es dann Durchhaltewille.

Wie muss man sich denn so einen Tag auf der Alp vorstellen?

Um fünf Uhr morgens gehe ich die 23 die Kühe holen und sie werden von mir und meinem Mann eingestallt. Anschließend werden die Kühe von meinem Mann und dem Schwiegervater in etwa einer Stunde gemolken. Ich geh‘ in der Zwischenzeit schon in die Sennerei um mit den Arbeiten dort zu starten. Zuerst wird Feuer gemacht und das grosse Käsekessi mit Wasser ausgespült. Mit dem Feuer erwärme ich das Wasser im Wasserkessel nebenan, damit wir immer genügend heißes Wasser zum waschen haben. Von der in Gebsen gelagerten Abendmilch nehme ich den Rahm ab. Die entrahmte Milch wird in das Kessi gegleert und die Gebsen anschließend mit heißem Wasser gewaschen. Aus dem Rahm wird Butter gemacht , die dann mit dem Model zu schönen Mödelis geformt wird. Um sieben Uhr sind alle Kühe gemolken. Die frische Morgenmilch kommt jetzt ebenfalls im Kessi und mit der Beigabe von Lab und Kultur kann die Käseherstellung beginnen. Bis etwa zehn Uhr bin ich dann mit der Käseproduktion beschäftigt. Sämtliche Arbeitsgeräte müssen auch immer noch abgewaschen und gereinigt werden.

Bis ich damit fertig bin, ist fast schon wieder Mittag und das Mittagessen steht an. Mein Schwiegervater ist zwischenzeitlich schon wieder bei den Kühen, um sie auf die Weide zu bringen und den Stall wieder sauber zu machen. Nach dem Mittagessen wird der Käse im Käsespeicher gepflegt, Außerdem müssen Zäune repariert werden, Unkraut gespritzt oder wir müssen auch beim Heuen helfen unten im Tal. Um 16.00 Uhr müssen die Kühe wieder von der Weide geholt und eingestallt werden und die abendliche Arbeitsrunde beginnt:Melken, Kühe wieder auf die Weide bringen, Milchgeschirr waschen, Stall reinigen, Käseküche sauber machen und Diverses für am Morgen parat legen. Nachtessen und dann ist es meistens ist es schon spät, so dass man froh ist ins Bett zu kommen.

Wie kam es denn, dass Sie die Alp hauptsächlich alleine machen?

Das hat sich bei uns einfach so ergeben: Mein Mann kümmert sich um den Landwirtschaftsbetrieb im Tal und ich mich um die Alp . Ganz allein mache ich es ja nicht, ich habe noch Unterstützung vom Schwiegervater.

Ihr Wohnsitz ist im Sommer auf der Seilialp. Aber die vier Kindern müssen ja auch in die Schule – wie geht das denn?

Morgens fahren sie runter meistens mit Velo oder Mofa oder mit dem Vater im Auto bis zu unserem Wohnort im Winter. Von dort dann wie gewohnt mit dem Ortsbus. Mittagessen können sie bei einer befreundeten Familie im Tal. Am Abend, je nach Schulschluss und Hobby, geht es mit dem Postauto, mit dem Vater im Auto oder selber wieder mit Velo / Mofa. Irgendwie geht es immer. Und das hat einen großen Vorteil. Weil sie zum Beispiel morgens schon ihren ganzen Tag durchplanen müssen und daran denken, was sie für ihre Hobbys am Nachmittag mitnehmen müssen, werden sie viel selbständiger und können sich besser organisieren als viele andere Kinder.

Helfen die Kinder auch mit?

J a, immer wenn es die Zeit erlaubt. Am liebsten holen sie die Kühe. Und unser Ältester ist jetzt 16, da ist er schon ein halber Mann, den kann man schon ganz gut gebrauchen.

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Ich stell mir das trotzdem nicht so leicht vor mit Teenagern den ganzen Sommer auf dem Berg?

Naja, Streitereien und Reibereien gibt es überall. Aber die Alp ist gross, so kann sich jedes auch irgendwie zurückziehen. Die zwei Großen haben jetzt auch ein Mofa, da können sie auch schon mal weg um die Kollegen zu besuchen. Diesen Sommer war das größte Problem: wir haben auf der Alp kein WLAN! (sie lacht)

Ohje, wie schrecklich!

Ja, aber sie leben alle noch!

Vielleicht ist das auch eine gute Digital-Detox-Kur ...

Einerseits ja, aber von der Schule aus läuft auch vieles über das Internet. Da müssen sie sich organisieren und damit sie trotzdem immer auf dem laufenden sind und von meinem Handy Hotspot einrichten.

Jetzt aber doch noch mal zum Käse! Ich war ja selbst im Herbst (2018) auf den alle zwei Jahre stattfindenden Swiss-Cheese-Awards* und habe sehr viele Senner gesehen, weniger Sennerinnen.

Ja, dort vielleicht schon, aber ich kenne eigentlich viele Sennerinnen, die auf ihren Alpen arbeiten.

Und Sie selbst haben vor vier Jahren bei den alle zwei Jahre stattfindenden Swiss Cheese- Awards ja sogar gewonnen!

Ja, in der Kategorie Berner Alp- und Hobelkäse AOP haben wir den ersten Platz gemacht. Vor zwei Jahren dann auch den zweiten Platz, aber der wird ja nicht publiziert.

Und warum waren Sie dieses Jahr nicht dabei?

Irgendwie war vor zwei Jahren kein perfektes Käsejahr für mich.

Was ist denn ein perfektes Käsejahr?

Da muss alles passen: die Kühe, die Weiden, die Kulturen, die Arbeitsweise. Und wenn es nicht perfekt ist, dann reiche ich auch keine Käse ein.

Wie wichtig sind solche Auszeichnungen für die Käser?

Sie bedeuten schom Stolz und Anerkennung für geleistete Arbeit. Und für den Verkauf ist das natürlich eine gute Werbung ...

Zum Schluss noch die Frage: Auch wenn die Alparbeit kein Honigschlecken ist, machen Sie das ja schon über 13 Jahre nur auf der Seili Alp. Was ist denn trotzdem das Schönste daran?

Für mich: Die Freiheit. Du bist dein eigener Herr, kannst dir deine Arbeit selbst einteilen. Und ICH sag auch immer: das ist keine Arbeit für mich, das sind Sommerferien. Und das Leben und Arbeiten mit der Natur, das ist unbeschreiblich!

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Und essen Sie denn eigentlich selbst gerne Käse?

(lachend) Ja, schon – aber Fleisch schon auch!

Auf der Alp Seili werden übrigens folgende Käse produziert:

• chüschtigen Alpkäse (chüschtig = köstlich) • Raclettkäse • verschiedene Sorten von Mutschli ( Nature, Schnittlauch, Knoblauch und Pfeffer ) (= ein kleiner, halbharter und vollfettern Kuhmilchkäse) Alpbutter • Ziger (= Zieger und hat nichts mit Ziegenkäse zu tun)

 Bildnachweis: alle Bilder Anita Kohler: Copyright Uwe Tölle

Der Swiss Cheese Award

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Beim Swiss Cheese Award, dem wichtigsten Branchenwettbewerb der Schweiz, reichen rund 600 Schweizer Käser ihre Spezialitäten ein. Über 900 Wettbewerbskäse werden in 28 Kategorien bewertet. Die Jury besteht dabei aus rund 150 Juroren Profis aus Milchwirtschaft und Gastronomie, sowie Konsumenten- und Medienvertreter. Die Kriterien werden genau vorgegeben und beziehen sich auf Aussehen, Konsistenz und Geschmack.

Die Jury wird international zusammengesetzt, da rund 30 Fachpersonen dem Ausland Ländern eingeladen werden und zudem auch etwa 30 Internationale Medienvertreter den Juryteam zugeordnet werden.

Ich in der Käse Jury!

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Ich durfte in diesem Jahr im Rahmen einer Pressreise Teil der Jury sein, und war wirklich überrascht, wie feine Nuancen man schmecken kann, auch wenn man bis zu 20 Käse eine Sorte probiert. Und wer jetzt anmerkt, ich sei aber doch kein Käsespezialist – die Mischungen der Juryteams ist gewollt, denn letztendlich zählt auch der Geschmack der Endverbraucher und wir wurden sehr gut eingewiesen. Ich war nur wirklich froh, dass Anita Kohler in diesem Jahr nicht teilgenommen hat – denn ich war ausgerechnet ihrer Kategorie der Alp- und Hobelkäse zugeteilt. Ohje, wenn ich da für einen anderen Käse gestimmt hätte!!!

Käsemarkt und Gesamtsieger

Nochmal zurück zum Award: Nachdem die Sieger in den Einzelkategorien feststehen, wählt dann eine reine Fachjury von Top-Experten daraus den Gesamtsieger der auch öffentlich auf dem Käsemarkt verkündet wird. Wir durften in diesem Jahr in Luzern dabei sein – 2020 wird eine andere Stadt Austragungsort der Swiss Cheese Award sein. Aber - wenn man Käse liebt - lohnt es sich, da auf dem Laufenden zu bleiben. Denn in der Schweiz sind eigentlich alle Orte schön (nein, das ist keine bezahlte Werbung, ich bin Halbschweizerin!) und beim Käsemarkt muss man bloß aufpassen, dass man nicht mit viel mehr Käse nach Hause kommt, als man selbst essen kann – viele meiner Freunde haben sich allerdings darüber gefreut. Und wenn die Begleitung keinen Käse mag – auch egal, er oder sie kann ja Schokolade essen ☺

Mehr zum Swiss Chees Award (cheese-awards.ch)

 Bildnachweis: Swiss Cheese Award, Copyright FORMATE Marcel Bieri

Bild von Stephanie Bräuer: eigenes

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